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"Fly by night" - Double Handed Seeregatta Nyborg Vegvisir Race 2022

Aktualisiert: 12. Nov.

Vom 2.9. auf den 3.9. sind Marko und ich das Nyborg Vegvisir Race 2022 auf dem "tricky short course" mitgesegelt - 75 Seemeilen "Abenteuersegeln" - wie der Veranstalter versprochen hat - sollten auf uns warten. "Die Kombination macht immer noch die DNA des Vegvisir Race aus. Alle Kurse beinhalten Nachtnavigation, die Entdeckung wunderschöner Küstenstriche und echtes Abenteuersegeln." Und in der Tat: Morten Brandt Rasmussen, der Erfinder dieser trendigen single handed - und double handed Offshore - Regatta hatte nicht zu viel versprochen.


2017 hatte Dänemarks - wie die Yacht titelte - „Daniel Düsentrieb“ der Ein- und Zweihand-Regattaszene das Vegvisir Race aus der Taufe gehoben und damit den Nerv der Zeit getroffen. Morten Brandt Rasmussen, der auch das Silverrudder erfand, schaffte einen Segelwettbewerb nach dem Motto: "Abenteuersegeln - Eigenständig den Weg finden" – das ist die eigentliche Herausforderung, denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer umrunden keine Tonnen, sondern Inseln. In welchem Abstand, bleibt dabei jedem selbst überlassen. So muss zwischen sportlichem Ehrgeiz und seemännisch vernünftiger Entscheidung abgewogen werden.

Tricky short course - 70 nm double handed durch den Großen Belt


Beim Finden des richtigen Kurses sollte der Vegvisir - Kompass helfen, der auch der Namensgeber der Regatta ist. Der Vegvisir ist ein Symbol aus der nordischen Mythologie, das den inneren Kompass symbolisiert und den Träger immer sicher an sein Ziel führt.

Der Vegvisir - Kompass als Namensgeber der Regatta


Gesegelt wird das Vegvisir Race in den Klassen Small, Mini, Medium, XL und Multihull. Mit dabei waren Minis, X-Yachten, Seascapes, Hanses, Dehlers, Waarschips etc. Wer sich für Boote interessiert, konnte kaum eine größere Bandbreite an nur einem Ort erleben. Alles was neu und schnell ist, war hier versammelt.


Wobei man auch hervorheben muss, dass es auch ältere Boot gab, die durchaus erfolgreich unterwegs gewesen sind: So ist etwa die Albin Express "Zora" der Brüder Lars und Olaf Czeschel in der Klasse Small mit 14.49.06 h noch vor uns, die wir in der Klasse Medium unterwegs waren, ins Ziel gekommen.


Marko und ich waren mit SY "Chinook" am Start - einer ELAN 340, die als sog. Performance Cruiser gilt. Durch den etwa breiteren Rumpf - insbesondere im Heckbereich - haben wir auf den "Am Wind" - Kursen teilweise deutlich Zeit verloren. Das konnten wir zum Teil bei Raumwind wieder ausgleichen. Aber eben nur zum Teil.


SY Chinook im Hafen von Nyborg


Das Teilnehmerfeld des Vegvisir Race war neben vielen Jedermann - Crews gespickt von Klasseseglern, wie etwa Max Gurgel oder Michael Höfgen. Max Grugel (https://vmaxyachting.com/) war es übrigens, der uns auf Fehmarn bei einem Regattatraining auf einer ELAN E 4 die Grundzüge des Matchraces nahe gebracht hat.


Angesichts dieser Granden des Segelssports und auch aufgrund des anspruchsvollen Kurses, den wir zu weiten Teilen bei Dunkelheit würden absegeln müssen, waren Marko und ich doch einigermaßen angespannt, als es am Freitagmittag zum Skippersmeeting ging.

Skippersmeeting mit Einweisung in den Kurs und die Wetterverhältnisse


Die Wetterverhältnisse, die angesagt waren, ließen einen schnellen Ritt durch die Nacht erwarten: Zwischen 15 kn und 20 kn im Grundwind bei Böen bis 25 kn sollten wir zügig wieder zurück in Nyborg sein. Ausdocken war für 17.00 Uhr vorgesehen und der Start sollte pünktlich um 18.20 Uhr stattfinden. Wir bereiteten uns also so gut es ging vor, legten uns noch einen Moment hin und dann ging es auch schon los: Die Boote liefen nach und nach aus dem Hafen aus, wir schlossen uns zügig an und überlegten die Taktik für den Start.


Die Startsituation sah vor, über die Startlinie wieder Richtung Hafen zu segeln, um dann um zwei Bojen ("Fly by") an den Zuschauern des Rennens vorbeizufahren, während dessen Morten Brandt Rasmussen das Geschehen auf dem Wasser über Mikrofon kommentierte: Eine wunderbare Idee, um den Regattasport den Zuschauern greibarer zu machen.

Morten Brandt Rasmussen kommentiert das Geschehen in der Fly by - Zone


Für Zuschauer an Land interessant: Die Fly By - Zone


Gedränge in der Fly By - Zone


Als das Startsignal auf Kanal 27 übertragen wurden, hatten wir unseren Start erstaunlich gut getimed. Wir gingen mit vielen anderen Booten im vorderen Mittelfeld ins Rennen. Aber auf dem Weg zur Fly By - Zone wurde bereits der Unterschied klar: Die Profis zogen weitgehend alle den Spi oder Genni, was wir uns allerdings noch nicht trauten. Wir wollten erst einmal sicher und solide die ersten beiden Tonnen runden.


Chinook ist gut beim Start weggekommen


Marko steuerte souverän um die beiden Tonnen - trotz der Erschwernis, dass sich ein Boot direkt vor uns querlegte und stehenblieb. Marko wich prima aus und wir kamen mit einer zügigen Wende gut auf Kurs Richtung Große Belt - Brücke.


Allerdings merkten wir, dass wir mit "Chinook" nicht allzu hoch an den Wind gehen konnten, was dazu führte, dass sich das Feld von uns verabschiedete und wir nur noch hinten mitfuhren. Jetzt war es an der Zeit, den ersten Versuch zu unternehmen, taktisch zu denken - und es klappte: Wir fuhren deutlich früher, als alle andere eine Wende und gingen näher unter Land Richtung Große Belt - Brücke. Und plötzlich waren wir wieder im vorderen Mittelfeld.


Diese Freude währte allerdings nur kurz, denn ein Aspekt des Rennens ist, überall dort durchzufahren, wo es geht und wo man sich "traut". Das hatte an der Großen Belt - Brücke den Effekt, dass so gut wie alle Boote abkürzten und nicht das betonnte Fahrwasser unter der Brücke nutzten. Da wir aber ein Charterboot hatten, konnten und wollten wir es nicht risikieren, vom betonnten Fahrwasser abzuweichen. Wenn wir wegen einer solchen Abweichung einen Mastbruch herbeigeführt hätten, weil wir die Höhe der Brücke falsch einschätzen, wären wir auf den Kosten für diese Havarie sitzen geblieben - unsere Skipperhaftpflichtversicherung hätte wegen grober Fahrlässigkeit sicherlich nicht bezahlt.


Alle anderen unter Land - wir durch das betonnte Fahrwasser unter der Großen Belt Brücke


Dieser Umstand führte dazu, dass wir uns plötzlich als letztes (!) Boot des Regattafeldes wiederfanden. Auch wenn dies für den Moment ein wenig ernüchternd war, ließen wir uns nicht unterkriegen. Der Wind kam nun achterlich, das Boot war gut für diesen Kurs ausgelegt und wir beschlossen, der ohnehin bereits hohen Geschwindigkeit mit Groß und Fock noch eine "Schippe" draufzulegen, indem wir den Genni zogen. Das war zunächst auch eine gute Idee, denn wir liefen mit knapp 9,5 Knoten hinter dem Feld her und holten nach und nach deutlich auf.


SY Chinook unter Gennaker im Großen Belt


Aber dann passierte wieder einmal das, was man wohl "Murphy`s Law" nennt: Es tat einen Schlag im Masttopp und der Gennaker fiel von oben herab. Ganz offensichtlich war der Schäkel des Spi - Falls gebrochen. Das Tuch fiel neben dem Boot ins Wasser. Marko und ich reagierten ruhig und schnell, zogen den Genni aus dem Wasser und verstauten ihn zügig.


Noch fahren wir dem Feld hinterher!


Danach putzen wir uns die Nase ab, ärgerten uns einen kleinen Moment, zogen die Fock und weiter ging es. Und auch ohne den Gennaker waren wir erstaunlich zügig unterwegs. "Chinook" lief raumschots wirklich gut und schon bald waren wir mit unserer unmittelbaren Konkurrentin "Sagitta" auf einer Höhe. Allerdings waren wir zu hoch dran und hatten dadurch Schwierigkeiten, die Geschwindigkeit zu halten. Wir entschieden uns, in die Halse zu gehen, direkt auf die Küste zuzulaufen, um dann nach einer weiteren Halse einen tieferen Kurs zu segeln, um mit guter Geschwindigkeit Richtung Wendetonne im Großen Belt zu laufen.


Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Das Segeln in Dunkelheit hatte ich bisher erst einmal mitgemacht, nämlich bei einem Nordseetörn durch die Nacht nach Helgoland. Dabei habe ich zwar gesteuert, aber damals hatte ich einen Profi - Skipper an meiner Seite. Nun waren wir auf uns allein gestellt. Und es war wirklich dunkel, völlig dunkel! Ab und zu waren Positionslichter anderer Boote zu sehen, aber weitgehend machten wir einen Instrumentenflug durch die Nacht. Erstaunlich schnell stellte sich eine Normalität ein, wenngleich Marko und ich hochkonzentriert unterwegs waren, was sich als völlig richtig erwies, da immer wieder plötzlich Positionslichter auf uns zuliefen oder jedenfalls in unserer Nähe auftauchten.


Fly by night


Wir hatten nach unseren beiden Halsen einen schnelle Kurs Richtung nördlicher Wendetonne im Großen Belt und bald auch unsere direkte Konkurrentin SY Sagitta hinter uns gelassen - neben vielen anderen kleineren Booten. Wir waren tatsächlich wieder ins Mittelfeld gesegelt!


Als wir in den offenen Großen Belt liefen, wurde der Wind stärker und die Welle höher. Marko hatte in weiser Vorbereitung die "Mandatory Buoy", also die Wendemarke im Norden, in unseren Plotter eingetragen. Aber bei aller motivierter und engagierter Fahrt hatten wir übersehen, dass wir die Tonne wohl bereits steuerbord querab passiert hatten. Zu sehen war sie nicht. In dieser Situation machten wir wohl den ersten eigenen Fehler, der auf meine Bitte zurückging, den Plotter für einen Moment abzudunkeln, da der Plotter so hell war, dass um uns herum schlicht gar nichts mehr zu sehen war, also auch nicht die Positionslichter der anderen Boote. Da aber in dieser Situation eine Vielzahl von Booten in diesem Gebiet die Tonne runden wollten, erschien es mir aus Sicherheitsgründen wichtig zu sein. die Lichter der anderen Boote sehen zu können. Das hatte aber den Effekt, dass ich am Ruder plötzlich die Orientierung verlor. Letztlich hatten wir in dieser Situation Glück, denn unerwartet tauchte die Nordtonne, die wir an Steuerbord runden sollten, wenige Meter vor uns auch an Steuerbord querab auf, sodass es nun wieder auf südlichen Kurs Richtung Große Belt - Brücke gehen konnte. Bei diesem Wirrwarr, was wir an der Nordtonne abgeliefert hatten, war Sagitta wieder an uns vorbeigezogen.


Nachtsegeln mit SY Chinook - die Stimmung ist gut!


Wir konnten einen guten, schnellen Kurs Richtung Belt - Brücke finden und es gelang uns sogar, auf dieser Strecke unsere Konkurrentin SY Sagitta erneut zu überholen und hinter uns zu lassen. Gegen 6.00 Uhr morgens passierten wir die Große Belt - Brücke, was uns eine neue Erfahrung brachte: Die Strömung zwischen den Brückenträgern war beachtlich - besser gesagt: ziemlich furchteinflößend. Und als wir direkt zwischen den beiden Brückenträgern angekommen waren, da war plötzlich der Wind weg. Das hatte ich tatsächlich schon einige Mal gelesen, aber es ist doch nochmals etwas anderes, wenn man diesen Effekt selbst erlebt.


Die Große Belt - Brücke


Letztlich ging alles gut - wir trieben zwischen den beiden Pfeilern hindurch und hatten auch deshalb ausreichend Abstand, weil ich mit Blick auf die Strömung beim Ansteuern zunächst konsequent auf den luvseitigen Pfeiler zugehalten habe und erst ganz am Schluss abfiel.


Mittlerweile hatte der Wind deutlich aufgefrischt, sodass wir hinter der Großen Belt - Brücke nicht nur einen wie gemalten Sonnenaufgang erleben durften, sondern auch zunächst ins erste und kurz dananch sogar ins zweite Reff gingen, weil wir schon fast platt seitlich auf dem Wasser lagen. Mit dem Reff ging es besser, aber Sagitta holte mit einer hohen Geschwindigkeit auf. Als wir dann die Traverse passierten, um südlich eine Untiefe zu passieren, sch0ß Sagitta mit vollem Tuch an uns vorbei.


Wie gemalt: Sonnenaufgang im Großen Belt um 0600 UTC


Wir entschieden uns, das Reff bei der letzten "Mandatory Bouy" auf Höhe Lohals herauszunehmen, um auf den letzten Seemeilen auf Sagitta noch aufzuschließen und zu versuchen, sie auf dem Raumwindkurs zu überholen.


SY Sagitta: This handsome yacht was built by the SAGITTA Boats Company of Svendborg, Denmark. She is a lovely cruiser-racer.


The SAGITTA 35 is design number 2008 of Olin Stephens and arguably one of his best, offering a remarkable combination of sea kindliness, speed and a lovely quality of teak joinery inside.


The yacht has 6 berths.

  • Length : 10,5 m

  • Beam : 3,02 m

  • Draft : 2,0 m

  • Displacement : 6 500 kg

  • Sail area : 66 m2

Was dann folgte, war ein echtes Matchrace: Wir kämpften uns laut Tracker von 600 Meter Rückstand auf Sagitta immer weiter vor. 400 Meter, 300 Meter, 200 Meter. Das Ziel kam immer näher. Kurz vor dem Zieleinlauf war ich etwa 50 Meter hinter unserer Konkurrentin und ging noch auf die Luvseite von Sagitta, aber auch das brachte letztlich nicht den Sieg in diesem Matchrace...


Matchrace mit SY Sagitta steuerbord voraus


Mit 11 Sekunden (!) auf Sagitta liefen wir exakt nach 15:00:44 h im Ziel ein und verpassten mit 20 Metern den Platz auf dem Treppchen! Glückwunsch und Dank an Jan Lohrengel und Jan Peter Stellmann von SY Sagitta für dieses spannende Finish. Beim nächsten Mal kriegen wir Euch ;-)!


Wir haben wirklich viel gelernt auf unserer ersten Seeregatta. Letztlich haben wir uns als einziges Charterboot im Kreise erfahrener Regattasegler mit weitgehend besserem Material und deutlich größerer Erfahrung ganz passabel geschlagen. Wir wollten heil ins Ziel kommen. Das ist uns gelungen; und dann noch mit einer achtbaren Zeit. Das freut uns sehr. Größere navigatorische Fehler haben wir mit Ausnahme unseres Wirrwarrs in der Nacht um die Nordtonne herum kaum gemacht. Taktisch würden wir sicherlich einiges anders machen, wie etwa das zweite Reff nicht setzen, was uns Geschwindkeit und Zeit gekostet hat.


Das Vegvisir Race ist eine wirklich tolle Veranstaltung. Die Stimmung ist entspannt - freundlich. Die Organisatoren haben sich viel Mühe gegeben, einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, was ihnen gelungen ist. Wer sich auch einmal auf einer Seeregatta als Rookie ausprobieren möchte, dem können wir dieses Rennen in Nyborg nur empfehlen.


Als Fazit halten wir es wie Nelson Mandela: ""We don't lose - We either win or learn,"


Unser Kurs beim Double Handed Nyborg Vegvisir Race 2022



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